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"Weinschmitts" melden sich aus Indien: Zwei Jahre mit Fahrrad durch Asien - Versiffte Drecklöcher, Flöhe und Wanzen - "Einige halten uns für Gespenster" - Notdurft am Straßenrand - Glitzerndes Epizentrum "Bollywood"

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Kategorie: MENSCHEN
Veröffentlicht am: 05. May 2009 00:24 - 1339 Hits

   In der Altstadt von Panajim hatten die Weinschmitts nach dem täglichen russischen Roulette auf Indiens gefährlichen Straßen wieder einige Tage Energie aufgetankt. Seitdem Elke und Louis "On Tour" sind - im Februar ging es los - , konnten sie Indien auf eine Weise kennen lernen, wie es wohl wenige Reisende erleben. Mindestens zwei Jahre lang will das pfälzische Paar auf seinen Drahteseln Zentralasien bereisen, und was die beiden dabei alles Unglaubliches erleben, berichten sie speyer-aktuell per Mail. Louis: "Manchmal haben wir das Gefühl, als kämen wir vom Mond, in manchen Dörfern sind wir regelrecht eine Sensation und einige halten uns schlichtweg für Gespenster. Auf all unseren Reisen rund um den Erdball haben wir niemals so starke Gegensätze gesehen und erlebt:
Foto: Louis "Weinschmitt" berichtet speyer-aktuell per Mail von den Abenteuern im fernen Indien. 

Wir übernachten oft in verdreckten, stinkenden und versifften Löchern, die voll mit Flöhen und Wanzen sind. Oft waschen wir uns nicht, weil wir uns vor den Duschen und den Toiletten ekeln. Wir fahren durch Dörfer, in denen Frauen und Kinder am Straßenrand auf Zeitungspapier, zwischen verschissenen Kühen und Hunden schlafen und nur Lumpen am Leib tragen und nichts zu essen haben. Ganze Ortschaften haben keine Kanalisation, die Bevölkerung entledigt sich ihrer Notdurft am Straßenrand, zwischen Bahngleisen und auf Feldern. Nimmt man die Ausscheidungen der heiligen Kühe und wild streunenden Hunde dazu, so haben wir das Gefühl, ganze Teile Indiens versinken in S... und wir fahren mitten durch. 

 Doch dann gibt es Tage und Nächte, da leben und schlafen wir wie Könige, umhüllt von wohl duftender Seide. Überall riecht es nach Jasmin, Kardamon, Zimt und anderen Gewürzen. Die Dörfer sind ordentlich und sauber, die Frauen laufen mit bunten und schillernden Sarries herum. Überall freundliche Menschen, die auf uns zukommen und mit uns plaudern wollen und uns zu einem Chai einladen. Im Moment sind wir mal wieder auf der Sonnenseite, meine gebrochene Hinterradspeiche ist repariert, Elkes belegte Bronchien lösen sich. 


 Noch einmal schlafen wir uns so richtig aus. Danach wird ausgiebig gefrühstückt, bevor wir ganz locker die nur elf Kilometer zum Ablegepunkt der Fähre in Angriff nehmen. Unser Ziel: Mumbai (Bombay). Der Besitzer des Hotels erzählt uns kurz vor der Abfahrt, dass es zwei Anlegestellen gibt, da die eine Fähre nur Passagiere mitnehmen darf.
 Also radeln wir los, bis man uns drei Kilometer vor der ersten Anlegestelle erklärt, dass wir total falsch wären und zur zweiten Anlegestelle müssten. Diese liegt ´nur' 15 Kilometer außerhalb. Es ist glühend heiß, Elke und ich sind am fluchen und schwitzen. 

 Endlich, nach Berg- und Schotterpisten, erreichen wir nach einer Stunde die Fähre. Wir haben Glück, sie steht zur Abfahrt bereit. Wir zerren unsere schwer beladenen Räder eine lange Treppe hinunter. Als wir sie gerade auf die Fähre heben, erklärt man uns, dass diese Fähre nicht nach Mumbai geht. Ich spüre´, wie in mir der Adrenalinspiegel steigt und ich muss aufpassen, dass ich keinen Wutanfall bekomme. Freundlich bekommen wir erklärt, das die Fähre nach Mumbai zirka 15 Kilometer weiter auf der anderen Seite ablegt und zwar genau da, wo wir gerade herkommen. Wir schwingen uns auf die Räder und radeln zähneknirschend zur ersten Anlegestelle zurück. Nach 43 Kilometern stehen wir völlig ausgebrannt vor der Fähre und haben unsere Tickets, von je 18 Rupien, in der Hand. Da die Fähre nicht direkt am Pier anlegen kann, müssen Elke und ich unser gesamtes Gepäck samt Rädern über zwei Boote tragen. 

 Endlich haben wir es geschafft, alles ist auf der Fähre, als mich ein alter zahnloser Matrose anspricht und 100 Rupien für unsere Fahrräder verlangt. Das ist absoluter Wucher! Ich schaue ihm in die Augen und überlege, wie ich diesen Halsabschneider umbringen kann. Die Fähre hat schon abgelegt mit Kurs auf Mumbai. Doch der Zahnlose lässt nicht locker. Ich greife in die Hosentasche und halte ihm 50 Rupien hin, woraufhin er sich tierisch empört. Ich stecke das Geld wieder ein, drehe mich um und beachte ihn gar nicht mehr. Nach einer Viertel Stunde steht er wieder vor mir und nervt. Ich greife in meine Hose und hole wieder die 50 Rupien heraus und sage zu ihm: "Das ist Deine letzte Chance!". Schnell greift er sich den Schein, womit er sichtlich sehr zufrieden war. Ich kann sehr gut verstehen, dass die Jungs, bei so wenig Verdienst, sich etwas zusätzlich verdienen müssen, aber bitte mit Maßen.
 In Mumbai gibt es die höchsten Tageseinkommen Indiens. Die liegen bei 134 Rupien pro Tag - ungefähr 2,43 Euro. Es ist das Dreifache des landesweiten Durchschnitts. 


 Von weitem sehen wir die Skyline von Mumbai mit riesiger Dunstglocke. Wir schlängeln uns vorbei an Öltankern und Luxusschiffen direkt auf das 'Gateway of India', das Wahrzeichen Mumbais, zu. Ein gewaltiger Anblick. Tausende von Leuten gehen hier an der Strandpromenade spazieren. Alle warten sie auf den Sonnenuntergang. Direkt hinter dem 'Gateway of India' steht das teuerste Hotel 'Taj Mahal Palace', das mit 500 US-Dollar pro Nacht deutliche und klare Akzente setzt. Erst vor ein paar Monaten waren bekanntlich hier bei einem Bombenanschlag viele Menschen ums Leben gekommen. Da stehen wir nun und wissen nicht wohin. Wo um alles in der Welt schläft man in einer der teuersten Städte der Welt? Da sprechen uns zwei etwas heruntergekommene Jungs an. Für ein paar Rupien wollen sie uns helfen, eine günstige Unterkunft zu finden. Schließlich bekommen sie auch eine kleine Provision. Die ersten Unterkünfte sind zwischen 1.500 und 3.500 Rupien einfach viel zu teuer, außerdem haben sie keinen Platz für unsere Fahrräder. 

 Der Glaube an ein einfaches Bett fängt langsam an zu schwinden, als wir plötzlich vor dem 'Salvation Army Red Shield Hostel' stehen - eine Unterkunft der Indischen Heilsarmee. Der Chef des Hauses und für die Bettenverteilung zuständig, erklärt mir, dass sie vollständig ausgebucht sind, was ich ihm irgendwie nicht so richtig abnehme. Ich schließe die Tür seines Büros hinter mir, setze mich vor ihn hin und versuche ihm klar zumachen, dass wir mit dem Fahrrad sein Land bereisen, nicht viel Geld besitzen und nur er uns helfen kann. Das schmeichelt seiner Machtposition. Überlegen lehnt er sich zurück, lächelt und sagt: "Ok, ich habe da noch ein Dreibettzimmer für 600 Rupien mit Frühstück. Das könnt ihr so lange haben, bis eine Reservierung herein kommt, danach müsst ihr aber gehen". Mir fällt ein Stein vom Herzen, am liebsten würde ich den Kerl umarmen. Nun wohnen wir genau hinter dem stark bewachten 'Taj Mahal Palace', von wo aus wir den größten Teil der Innenstadt zu Fuß erreichen können. 

 Nun sind wir in einer echten Metropolregion" mit fast 17 Millionen Menschen. (Anmerkung der Redaktion: Berlin hat 3,4 Millionen Einwohner). Eine Stadt der Superlative mit einer Bevölkerungsdichte von sage und schreibe 29.000 Einwohnern pro Quadratkilometer (Anmerkung der Redaktion: Berlin hat 3.800 Einwohner pro Quadratkilometer) Es gibt alleine 40.000 schwarze, zugelassene Oldtimer-Taxis und der Bahnhof 'Chhattapati Shiraji' hat eine Tagesbesucherfrequenz von 2,5 Millionen Menschen. Ein neuer Rekord, sogar für Elke und mich. Diese Stadt ist faszinierend und abschreckend zugleich. Ich möchte Mumbai einmal mit Manila und Bangkok vergleichen: entweder man hasst diese Stadt oder man liebt sie.
 Am ersten Morgen werden wir durch lautes Gerede und Zurufen geweckt. Wir wussten nicht, dass Studenten bei der Heilsarmee morgens die großen Gemeinschaftsduschen benutzen dürfen. Nach dem Frühstück mit einem hart gekochten Ei, was mir schwer im Magen liegt, machen wir unseren ersten Rundgang durch die Stadt.
 Elke hat einen Stadtplan mit den besten Sehenswürdigkeiten und den schönsten Plätzen Mumbais in der Hand. Wir laufen vorbei am 'Royal Mumbai Yacht Club' direkt auf den 'Regal Circle' zu, von wo aus man einen tollen Blick auf die umliegenden Bauten hat. Darunter das alte 'Sailors Home' aus dem Jahre 1876, das jetzige Hauptquartier der Polizei. Folgt man der 'Mahatma Gandhi Road', so kommt man an den wundervoll restaurierten Fassaden des 'Institue of Science' vorbei. Gegenüber beeindruckt das 'Prince of Wales Museum' mit einem großartigen Gebäude, das sich vom Vorgarten aus am besten bewundern lässt. 


 An Bibliotheken, Museen, Synagogen, der 'St. Thomas-Kathedrale' und der Universität von Mumbai vorbei erreichen wir nach dreieinhalb Stunden die andere Seite der Halbinsel. Schon von weitem ist ein zwei Kilometer langer Strand zu erkennen. Im ersten Moment spiele ich mit dem Gedanken, vielleicht baden zu gehen, doch was ich da sehe verschlägt mir den Atem. Von überall her werden riesige Abwasserrohre mit einer schwarzen, stinkenden und in den Augen beißenden Flüssigkeit ins Meer geleitet. 

 Noch keine 100 Meter entfernt, sehen wir Fischer, die mit Netzen versuchen, in dieser Brühe Fische zu fangen. Der Sandstrand ist übersät von Papier und Plastikmüll, dazwischen zerlumpte Menschen auf der Suche nach Essbarem.
 ´Jetzt reichts´, sage ich zu Elke, und das soll die Touristikroute sein? Wollen wir doch mal schauen, wie die Menschen hier wirklich leben. 

 Ich schmeiße den Stadtführer auf einen Müllhaufen und biege ohne Orientierung in eine Seitengasse ein. Wir laufen direkt auf einen Bahnübergang zu, der in acht Metern Höhe über zehn Gleise führt.
 In der Mitte bleibe ich stehen und beobachte die unter mir hindurch fahrenden Züge. Sie sind so vollgestopft, dass sich ganze Menschentrauben außen an den Gittern der Fenster festhalten. 

 Links und rechts der Bahngleise können wir Familien beobachten, die hier ihre Wohnungen in Form von Wellblechteilen zusammengestellt haben. Sie haben weder eine Toilette noch fließendes Wasser. Wir laufen weiter durch enge Gassen, wo es drunter und drüber geht. Uns kommen Straßenverkäufer entgegen, die ihre alten schwer beladenen Holzkarren an uns vorbei ziehen, Schuhputzer und verkrüppelte Bettler, die uns ständig ansprechen, Wasserverkäufer, die versuchen zwischen Kühen und Hunden, hupenden Mopeds und Autos unbeschadet durch zu kommen. 

 Elke schlägt vor, eine Rast einzulegen und irgendwo einzukehren, um eine Kleinigkeit zu trinken oder zu essen. Die erste von weitem gut aussehende Chai-Kneipen hat außen ein großes Schild angebracht: ´Spucken verboten´, woran sich niemand hält. Alle paar Minuten spuckt jemand direkt an die Hauswand. Ohne Worte verzichten wir auf unseren Chai. Am späten Nachmittag kommen wir völlig fertig und entnervt von unserem Stadtrundgang zurück. 

 Bei einem Kaffee versuchen Elke und ich, das Erlebte zu verarbeiten. Nachdem wir frisch geduscht haben, laufen wir zum bunten 'Colaba Market'. Hier gibt es neben Schmuckläden viele Obst- und Gemüsestände und auch einen Nachtmarkt. Wir erfreuen uns an einem frisch gepressten Mangosaft bevor wir in ein sehr sauberes, muslimisches Restaurant einkehren. Vorweg essen wir frisch gebackenes Knoblauchbrot dazu mit Gemüse gefüllte Teigtaschen und Frischkäse von der Ziege. Anschließend gibt es rote gekochte Linsen mit Kartoffeln und zu guter letzt einen frischen Naturjoghurt mit einem Fruchtsalat. 

 Auf dem Rückweg kommen wir an einigen Kinos vorbei, in denen die heißgeliebten, indischen Bollywood-Filme gezeigt werden. Mumbay ist das glitzernde Epizentrum von Indiens riesiger hindisprachiger Filmindustrie. Pro Jahr wirft Bollywood mehr als 900 Streifen auf den Markt. Mehr als alle anderen Städte auf der Welt. In fast jedem Restaurant, Kneipe, Haushalt und verfallener Hütte laufen diese völlig unrealistischen und schnulzigen Filme rund um die Uhr. Die Zeit der Nachtschwärmer ist gekommen. Wir hören laute Musik aus Diskotheken und Nachtclubs, junge Leute tanzen ausgelassen bis tief in die Nacht. Am nächsten Morgen werde ich schon sehr früh vor Sonnenaufgang wach. Ich ziehe mich leise an und schleiche mich aus unserem Hostel. Es ist noch alles gespenstisch grau. Die Straßenfegerinnen kehren mit langen Palmwedeln den ganzen Müll auf kleine Haufen zusammen, um ihn anschließend abzufackeln. Beißender Plastikgestank liegt in der Luft. Auf den Gehsteigen liegen schlafende Familien mit ihren halb nackten Kindern, zugedeckt mit Plastikplanen. Über ihnen riesige Plakate vom Lifestyle Indiens: telefonierende, lachende, gut aussehende Menschen, die gerade ihr neues Heim beziehen oder in ihr neues Auto einsteigen. Ich stehe fassungslos vor diesem Widerspruch, bin den Tränen nahe und frage mich: ´Was ist das für eine Welt?´
 Als ich zurückkomme, teilt mir mein neuer Freund und Chef der Heilsarmee traurig mit, dass eine Reservierung vorliegt und wir morgen ausziehen müssen.
 Elke und ich treffen die Vorbereitungen und packen alles zusammen. Punkt sechs Uhr soll es losgehen. Wir wissen genau, was auf uns zukommt, doch keiner redet darüber ... 

 Die Straße führt über 80 Kilometer nach Norden, mitten durch die Elendsviertel, heraus aus der Stadt. Von den 17 Millionen Einwohnern leben über 55 Prozent in den Slums der Außenbezirke Mumbais und genau da müssen wir durch radeln. Es ist sehr schwer, alle unsere Eindrücke von diesem Morgen zu beschreiben. Aber eines ist sicher: Wir werden diese menschenunwürdigen Szenarien niemals vergessen. Elke radelt wie der Teufel. Auch sie will, nichts wie weg aus diesem Elend und Chaos. 


 Als ich so in brühender Hitze dahinradle, versuche ich die letzten drei erlebten Tage zusammenzufassen. Dabei fällt mir eine nette Geschichte aus dem Lonely Planet ein: ´Man nehme einen Teil Hollywood, sechs Teile Verkehr und ein Bündel reicher Power-Moguln. Darunter mische man ein halbes Dutzend koloniale Überbleibsel und füge sechs gehäufte Tassen Armut hinzu ergänzt durch diverse Bars und Restaurants - nicht zu vergessen Chaos und Ordnung zu gleichen Teilen. Dann füge man reichlich uralte Basare hinzu. Mit einer Hand voll Hinduismus und einer Prise Islam abgeschmeckt. Anschließend Elemente aus allen Teilen Indiens und werfe das ganze zusammen mit einer ordentlichen Dosis Umweltverschmutzung in einen Mixer, der auf höchster Stufe läuft. Und was dann heraus kommt, ist Mumbai." (els/Fotos Weinschmitts)


Was Weinschmitts bisher berichtet haben: 

"Weinschmitts" in Indien: Elke und Louis melden sich wieder - Fast platt gemacht - Weltenbummler mit Angstschweiß auf Stirn - Chili und Curry von mild bis höllisch scharf - Louis lernt indisch kochen

"Weinschmitts" lassen grüßen: Weltenbummler im indischen Goa angekommen - Klatschnass geschwitzt und übermüdet - Chaotischer Linksverkehr und ständiges Hupen - Elke wird energisch 

30.000 Kilometer auf dem Sattel: Pfälzisches Paar durchstreift Zentralasien - "Diesem Wahnsinn entfliehen" - Quer durch Nepal, Mongolei, Japan und China - "Weinschmitts" radeln gegen Fremdenhass


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