Christina Martens (48) ist Chemikerin und stammt aus einer Familie, in der es von Großeltern über Eltern und Geschwister überhaupt nur Chemiker gibt. Selbst ihr sechsjähriger Sohn Timo hüpft mit einem Glaskolben durch den Garten und tut so, als würde er Wasserproben nehmen. Im Moment aber hat sie mit Chemie nichts zu tun, sondern stellt schöne Dinge aus Papier her, die sie auf Kunsthandwerkermärkten verkauft. Alles hat seine Zeit, meint sie. "Hauptsache, ich mache etwas, das mich herausfordert!" Foto: Christina Martens mit ihrem Sohn Timo und einem Leporello.
In Oberbayern aufgewachsen, zog sie zusammen mit ihrem Chemikerfreund als junge Laborantin nach Graz und arbeitete dort im Forschungslabor der Universität an kniffeligen Fragen wie zum Beispiel derjenigen, ob die Deckel von Plastikmülleimern länger halten, wenn der Knubbel, der zwangsläufig beim Herstellungsprozess entsteht, genau in der Mitte sitzt oder eher am Rand. Schnell war sie so fasziniert von den vielfältigen Forschungsprojekten, dass sie - obwohl nicht als Studentin eingeschrieben - Vorlesungen und Seminare rund um Mikrobiologie und die Röntgenforschung besuchte und von ihren beiden Professoren sogar als Mitautorin in Publikationen geführt wurde. "Ja, die dachten: Das ist eine!", sagt sie. Und das stimmte ja auch. Als im österreichischen Tulln bei Wien ein interuniversitäres Projekt gestartet wurde, bekam sie dort sogar ein eigenes Labor, in dem rund um die Strukturen von Stärke-Molekülen geforscht wurde. Es ging darum, Erkenntnisse zuliefern, welche Stärkearten sich am besten eigenen, um zum Beispiel für Infusionen in Krankenhäusern eingesetzt zu werden oder auch dafür sorgen können, dass das damals gerade neu entdeckte Kartoffelbrot nicht zu Durchfall führt. "Es war für mich der Karrieresprung schlechthin", sagt sie. "Mehr konnte ich mit meinen Voraussetzungen nicht erreichen." Gerade deshalb fiel es ihr gar nicht so schwer, die Arbeit in Wien hinter sich zu lassen, als sie ihren jetzigen Mann kennenlernte, der (natürlich) auch Chemiker ist, und mit ihm zurück nach Deutschland, nach München zu ziehen. "Ja, ich habe die Arbeit für die Familie aufgegeben", sagt sie. "Doch das war auch gut so. Ich hatte so viel gepowert und dabei immer das Gefühl gehabt, zu wenig für meine Tochter zu tun. Für mich hieß es jetzt: Wir machen Familie!" Später ergab sich noch einmal die Möglichkeit, in eine Laborarbeit einzusteigen, bei der Bundeswehr in München, wo die jungen Soldaten auf möglichen Drogenkonsum hin untersucht und die dafür abgegebenen Urinproben einem Drogenscreening unterzogen wurden. Das war eine sehr lebensnahe Aufgabe. Gerade war die Freizeitdroge Ecstasy groß in Mode gekommen, immer neue Drogenkombinationen ließen sich nachweisen. "Ich bekam ein gutes Gefühl dafür, was in den Jungs so vorgeht." In der Zwischenzeit kam ihr Sohn Timo zur Welt, was für Christina Martens bedeutete, erneut zu Hause zu bleiben. Eine leidenschaftliche Hausfrau war sie allerdings nie und das wollte sie auch nicht werden. "Da habe ich mit den Büchern angefangen. Diese Bücher, das sind zum überwiegenden Teil selbst entworfene Fotoalben, bestehend aus elfenbeinfarbenen Bögen, die zum Umknicken gepfalzt und dann auf patente Art mit zwei Schrauben in einen hübsch gestalteten Einband gebunden werden. Ebenso aber entstehen Leporellos, winzige Notizbücher und auf den Kunsthandwerksmärkten besonders beliebt ihre Klemmmappen für Noten, eingebunden in echtes Notenpapier. In Speyer lebt Christina Martens seit zwei Jahren und auch hier machte sie mit ihren Buchbindereien auf den Märkten der Stadt bereits auf sich aufmerksam. Am liebsten würde sie eine Kollegin finden, mit der zusammen sie einen Laden eröffnen könnte. Doch soll nichts überstürzt werden, denn auch hier heißt es für sie: Alles hat seine Zeit! (cok/Foto: cok)
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