Von Harald Stein Kaum eine Band verkörpert die Denkweise des stereotypischen Südstaatenamerikaners wie Lynyrd Skynyrd. Seit 46 Jahren besingen sie die Werte des ehrlichen, hart arbeitenden US-Bürgers, der abends nach Hause kommt, das Essen auf den Tisch gestellt kriegt, ein Bier vor dem Fernseher trinkt und das Haupt der Familie darstellt. Als Garnitur gibt es fetzige Riffs und rockige Arrangements. Der legendäre Südstaatenrock und das dazugehörige Image veränderte eine ganze Musikgeneration. Auf ihrer "God & Guns Tour" öffnen sie in der Karlsruher Schwarzwaldhalle ihren Musikkoffer und zauberten 16 Songs hervor.
Zur FOTOSEITE
Es zuckt der Bass, das Schlagzeug ballert, die Gitarren rocken, das Piano rollt, der Boogie perlt und zwei Sängerinnen schwenken im Hintergrund die Arme. "Skynyrd Nation" aus ihrem neuen Album ist das perfekte "Opening". "God & Guns" und "Still Unbroken" sind weitere neue Songs. Aber richtige Stimmung kommt erst bei den alten, bekannten Liedern auf. Ob "What´s Your Name", "I Know A Little", "Down South Jukin", "Three Steps" oder "Call Me The Breeze": Egal, ein Titel klingt da so gut wie der andere. Lynyrd Skynyrd steht auch für raue Südstaatenideologie, wo Männer noch körperlich ran müssen, Whiskey als Wasserersatz zählt und Patriotismus schon mit der Muttermilch verabreicht wird. Wem das nicht zusagt, der hat wahrscheinlich nicht so viel Spaß bei den Klassikern wie "Gimme Back My Bullets" oder "Simple Man". Die Geschichte der Southern-Rockband ist ein Totentanz. Keine Band musste solche Schicksalsschläge verkraften, wie das Septett. Bei einem Flugzeugabsturz kamen 1977 drei Bandmitglieder ums Leben. 2001 verstarb der Bassist Leon Wilkeson, 2007 Gitarrist Hughie Thomasson, 2009 Bassist Ean Evans und Keyboarder Billy Powell. Obwohl die Rock-Legenden personellen Aderlass verkraften mussten, gingen sie tapfer weiter ihren Weg. Das Lynyrd Skynyrd-Gepräge besteht vor allem im warmen Gibson-Ton von Rossingtons Slide-Gitarre: sämige Breitspurmelos, jaulend und juchzend. Die Live-Enthusiasten setzen die ganze Kraft auf drei Gitarren, die sich immer noch zu mehrstimmigen Soli verflechten. Dieser Sound ist das Wahrzeichen und der Motor des Geschehens. Aus Bechern schwappt das Bier vor schwabbelnden Bäuchen, zufriedenes Grinsen dringt aus zerfaserten Bärten. Melodiöses blüht kurz in Refrains auf, um gleich wieder in einem dreifach jaulenden Gitarrensolo zu versinken. Mit wenigen anderen Attributen wird so sorglos, fahrlässig und inflationär jongliert, wie mit den Begrifflichkeiten Legende und Kult. Die amerikanischen Classic Rock-Urgesteine Lynyrd Skynyrd bedürfen heute keiner detaillierten Vorstellung mehr. Zu ihrem unsterblichen Über-Hit "Sweet Home Alabama" (der kürzlich die die Zwei-Millionen-Marke der Klingelton-Downloads knacken konnte) füllen sich die Tanzflächen typischer Rockschuppen und mega angesagter Szeneläden. Lynyrd Skynyrd stellen das Paradebeispiel für beide Attribute dar; sind mit über 60 Alben und um die 30 Millionen weltweit über den Ladentisch gegangener Einheiten sowohl Kult im besten Sinne, als auch (über)lebende Legende, die sich nun nach der Aufnahme in die glorreiche Rock `N Roll Hall Of Fame und sechs Jahren Veröffentlichungspause mit "God & Guns" in alter Stärke zurückmeldet. Es wirkt vieles mechanisch und brav abgespult, bis schließlich die Südstaaten-Hymne "Sweet Home Alabama" alle elektrisiert und jubelnd von den Sitzen reißt. Ein größerer Gefühlsausbruch kommt bei der Zugabe "Freebird", ein in weiten Bögen ausschwingendes Ritual und Aufbegehren gegen den Tod. Leider ist aber auch genau dieser Song die einzige Zugabe und das Konzert ist nach exakt 90 Minuten vorbei. Ohne Schnick-Schnack, Pyros und anderen Firlefanz, alles in allem ein großartiges Event einer Band, die viele Verluste hinnehmen musste und die den "Spirit" des Southern Rock nicht nur überträgt, sondern auch verkörpert. Bleibt nur zu Hoffen, dass die Südstaaten-Rocker vor weiteren Schicksalsschlägen verschont bleiben. (Fotos: Harald Stein)
|