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| Hermann Krämer | |
Von Klaus Stein Hermann Krämer ist ein schlanker, sportlicher, intelligenter Endvierziger, der auf den ersten Blick einen ganz normalen Eindruck vermittelt - bis er mitten im Satz einen lauten Schrei ausstößt. Angefangen hatte das Leiden bei ihm mit etwa 12 Jahren. Da machte sich leichtes Augenzucken bemerkbar: "Das Kind ist etwas Nervös", sagten die Erwachsenen, denn sie hatten keinen Rat - wussten nicht, dass es die ersten Anzeichen des Tourette-Syndroms waren. Zum ersten Mal beschrieben hatte 1885 der französische Neurologe Georges Gilles de la Tourette (daher der Name) dieses Leiden, dass sich durch unkontrollierbare motorische und vokale Zuckungen, so genannten "Tics", bemerkbar macht. |
Anfangs waren meine Eltern genauso hilflos wie ich", so Krämer. Mit 16 wurde es dann so richtig schlimm, denn da begannen die starken Krämpfe in den Oberarmen. Zu seinem Glück bewegte sich der Speyerer in einem psycho-sozialen Umfeld, in das er mit seiner Krankheit voll integriert war und er beinahe wie ein normaler Junge erwachsen werden konnte. Mit 18 hatte er seine erste Freundin. Seine derzeitige Beziehung mit Susanne dauert schon neun Jahren. "So eine Geschichte bricht unvermittelt über einen herein - da zieht man sich unwillkürlich etwas zurück." Gerne hätte der gelernte Kaufmann Medizin studiert. "Die Krankheit hatte mir die Kraft für ein Studium geraubt. Außerdem war es für mich eine Horrorvorstellung, zuckend vor Patienten zu stehen." 1986 war Hermann Krämer total am Ende - hatte keinen Lebensmut mehr. Das Schicksal führte ihn mit einer älteren Allergologin in Ketsch zusammen, die ihn auf Unverträglichkeiten testete. Sie hatte ihm geraten, vor allem auf Lebensmittel zu verzichten, die aus Rindfleisch und Kuhmilchprodukten hergestellt seien. "Seit einigen Jahren lebe ich fast als Veganer und meine Symptome haben sich durch diese Spezialdiät mehr als halbiert." Das machte es ihm möglich, in entfernte Länder wie Indien, Thailand oder Afghanistan zu reisen. Neben den Tics leidet Hermann Krämer an autoaggressivem Verhalten. So hat er den Zwang, sich auf die Lippe zu beißen. Eine weitere Begleiterscheinung des Tourette-Syndroms hat in der jüngeren Vergangenheit berufliche Spaßmacher dazu bewegt, ihre schlechten Scherze damit zu treiben - gemeint ist die "Koprolalie", die unkontrollierbare Neigung, obszöne oder sozial tabuisierte Begriffe, häufig mit sexuellem Inhalt, aussprechen zu müssen. Beispielsweise "Erkan und Stephan" hatten dieses Thema in einem ihrer Sketsche verarbeitet. Nach Protesten der "Tourette-Gesellschaft" haben die beiden sich nicht nur dafür entschuldigt sondern auch noch 10 000 Euro gespendet. Hermann Krämer lässt nichts unversucht, über die Krankheit zu informieren. So war vor einem Jahr der Fernsehsender "RTL II" einen ganzen Tag mit einem Team bei ihm, um einen Bericht für die Sendung "Exklusiv - die Repoertage" zu drehen, der sechs Mal ausgestrahlt wurde. Auch "Stern-TV" war - sogar zwei Tage - in Speyer, aber der Teil mit ihm wurde nicht gesendet da man beim Sender der Meinung war, dass es nicht zum Thema "Zwangshandlungen" passe. Er hat unter der Internetadresse www.tourette-syndrom.de eine eigene Homepage, auf der außer seinem persönlichen Schicksal auch viele Informationen zu lesen sind. Gleichzeitig betreut er zusammen mit dem Vorstand und der Geschäftsstelle der Tourette-Gesellschaft Deutschland die vereinseigene Homepage www.tourette-gesellschaft.de. Außerdem verfasste er eine Broschüre über Georges Gilles de la Tourette. Seine große Hoffnung ist, dass er zu den wenigen gehört, bei denen sich die Krankheit mit zunehmendem Alter verliert. Außerdem wünscht er sich, dass seine Beziehung zu Susanne von Dauer sein wird.
Was ist das Tourette-Syndrom?
Das Tourette-Syndrom (TS) ist eine neuropsychiatrische Erkrankung, die durch Tics charakterisiert ist. Bei den Tics handelt es sich um unwillkürliche, rasche, meistens plötzlich einschießende und mitunter sehr heftige Bewegungen, die immer wieder in gleicher Weise einzeln oder serienartig auftreten können.
Die Symptome beinhalten:
1. sowohl multiple motorische (Muskelzuckungen) als auch einen oder mehrere vokale (Lautäußerungen) Tics. Diese stellen sich im Verlaufe der Erkrankung ein, obwohl sie nicht notwendigerweise gleichzeitig vorkommen müssen.
2. das Auftreten von Tics mehrfach am Tag (gewöhnlich in Serien), fast jeden Tag oder immer wieder über einen Zeitraum von mehr als einem Jahr.
3. periodische Wechsel hinsichtlich Anzahl, Häufigkeit, Art und Lokalisation der Tics wie auch hinsichtlich des Zu- und Abnehmens ihrer Ausprägung. Die Symptome können manchmal für Wochen oder Monate verschwinden, aber auch unvermutet wieder auftreten.4. Die Erkrankung beginnt meistens im siebten oder achten, fast immer aber vor dem 21. Lebensjahr. Die Bezeichnung "unwillkürlich", die zur Beschreibung der Tics verwandt wird, führt manchmal zu Mißverständnissen, da die meisten Personen, die von einem TS betroffen sind, eine gewisse Eigenkontrolle über ihre Symptome haben. Vielfach bedeutet Eigenkontrolle, die für Sekunden bis Stunden vom Patienten wahrgenommen werden kann, in der Regel nur ein zeitliches Hinausschieben schwerer "Tic-Entladungen" und führt selten dazu, daß der unterdrückte Tic überhaupt nicht nach außen kommt. Meist ist der Drang nach der Ausübung des Tics so stark, daß schließlich die Muskelzuckung oder die Lautäußerung doch stattfinden muß (vergleichbar mit dem Drang zum Niesen bzw. mit einem Schluckauf). Menschen mit einem TS suchen oft eine geschützte Umgebung (z.B. Familie), um ihren Symptomen freien Lauf zu lassen, nachdem sie versucht haben, sie bei der Arbeit oder in der Schule zu unterdrücken. Typischerweise nehmen Tics bei ärgerlicher oder freudiger Erregung, innerer Anspannung oder Stress zu. In entspanntem Zustand (z.B. morgens nach dem Aufstehen) oder bei Konzentration auf eine interessante Aufgabe lassen sie eher nach. Kinder zeigen oftmals in der Schule weniger Tics als zu Hause; insbesondere am Abend, wenn die spontane Eigenkontrolle nachlässt, können die Tics vermehrt zum Vorschein kommen.
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